Topics

San Francisco, 13. Januar MD 0.1842 - Das Bankett

Daniel Maximini <Daniel_Maximini@...>
 

Nabend

Hier dann mal mein erster Text... ich hoffe, ich hab die Formate alle richtig beachtet.

< RPG >
#Ort: San Francisco Fleet Yards, Quartiere, synchrones Erd-Orbit, Sol-System
#Zeit: Mittwoch, 13. Januar 17:39 Uhr (MD 0.1739)

So gähnend leer wie das Weltall, dass nun vor ihm liegen würde, so erschien dem jungen Mann jetzt in diesem Moment sein Quartier. Die meisten seiner Gegenstände hatte er inzwischen an Bord und damit in sein neues Quartier auf der USS Galathea beamen lassen. In diesem Moment hatte er nur noch das notwendigste dort. Die galante Uniform, die er in etwa einer Stunde zum Bankett anlässlich des Jungfernflugs tragen würde. Die Uniform für den morgigen Tag. Ein blauer Apfel aus dem Mintaka-System. Kissen und Bettdecke, die er morgen früh dann in seinen letzten, noch ungefüllten Reisesack füllen würde. Und noch das Pad, in dem er sich über die Gepflogenheiten der Menschen bei Banketten informierte. Gerade eben hatte er eben jenes Pad mit einem Augenrollen auf das Bett geworfen. Es klang alles so... förmlich und bieder.

Einer dieser Abende, bei der sich Admiräle und Kapitäne gegenseitig zuprosten und Reden halten würden darüber, wie toll doch ihre Ideen wären.  Und bei jedem Tost durfte man freundlich zuprosten und immer schön lächeln und jeder zweiten Person seine Lebensgeschichte erzählen. Natürlich nicht das Interessante. Nicht das, was einem persönlich an ihm selber wichtig wäre. Sondern immer nur, was man bisher doch für seine Karriere getan hätte. Der junge Mann betrachtete sich im Spiegel. Er betrachtete seine hagere Figur, sein junges Aussehen, garniert mit einer überaus auffälligen Brille, seine braunen Krauselocken und seine blauen Flecken, die üblich waren für einen Einwohner des Trill-Planetensystems. Er blickte auf die galante Uniform, die vor ihm an einem Kleiderhaken hing. An den einen kleinen Knopf am Kragen, der ihm sagte, dass er einer derjenigen sein würde, die in jedem dieser zweiten Gespräche vor allem eins sagen müsste. Dass er noch nichts vorzuweisen hatte.
 
Er war Ensign Grwydro Aru. Vor wenigen Tagen noch Kadett auf der Stenenflottenakademie. Ein guter Kadett, keine Frage. Ein guter Ethnologe und Xenologe. Ein annehmbarer Navigator. In der Lage, Acht sprachen nahezu fließend zu sprechen. Und doch wusste er, dass er auf diesem Fest keine Rolle spielen würde. Dabei war er vermutlich älter als viele auf diesem Fest. Sein Blick wanderte von der galanten Uniform hin zu seinem Spiegelbild im Spiegel. Er würde für all diese Menschen, die er gleich treffen und denen er bei ihren Reden treu zuprosten würde nur einer von vielen sein. So viele hatten ihm gesagt, dass er doch stolz sein solle. „Die Galathea ist ein gutes Schiff.“ hörte er von seinen Mitkadetten sehr häufig, als die Nachricht seiner Beförderung eintraf. Hatte jemals jemand etwas anderes gesagt? Hatte nach seiner Beförderung jemals so etwas hören müssen wie „Was? So ein schrottiger Schlepper? Meiner Treu, ich hab aufrichtiges Mitleid?“ Das waren nichts als Worthülsen und der Blick in Grwydros Spiegelbild richtete ihm eine ganz andere Botschaft aus. Er wurde an Bord der Galathea geordert, weil er Qualifikationen hatte, die er sich selbst nie angeeignet hatte. Er hatte diese Beförderung erhalten, weil der Symbiont in seiner früheren Existenz nichts anderes getan hatte, als am Zielort der Galathea bei eben genau solchen Banketten zu erscheinen. Und sich dann nicht in die Ecke zu stellen und anderen beim Reden schwingen zuzusehen, sondern selbst alle Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.
 
Ein Kommunikationssignal riss ihn aus seinen gar mürrischen Gedanken. Wie aus einem Traum erwacht zuckte er kurz und wandelte mit einer Handbewegung den Spiegel in einen Monitor. Es erschien das Gesicht eines etwa fünfzig Jahre alten Napeaner, glatzköpfig und trotz seinem gewinnenden Lächeln eher aus der Kategorie Zwielichtig. Grwydro schien dies aber nicht zu stören.
„Pondox! Was gibt es?“
„Nur Kleinigkeiten. Ich habe den reibungslosen Transport deines Motherlodischen Mooses auf die Galathea in die Wege leiten können. Gerade noch rechtzeitig, wie es aussieht. Du solltest sie morgen bei Abflug im dritten Regal vorfinden“
„Oh. Schön, das freut mich. Wie hast du die Dokumente für die Ökoregularien so schnell bewilligt bekommen? Bei dem Wert des Mooses hatte ich eigentlich erwartet, dass sie uns dafür so richtig durch die Mangel drehen?“
Der Napeaner lächelte „Ich muss mich wirklich immer noch daran gewöhnen, dass du solche albernen Fragen stellst. Nehm es einfach mit. Das Moos ist da, deine Befürchtung, dass es erst geliefert wird, wenn du als alter und grauer Trill aus dem Tzenkethi-Sektor zurück kehrst, ist unbegründet und du kannst deinen Dienst morgen mit einer Sorge weniger antreten. Ich bin sowieso froh dich noch erreicht zu haben, dein Terminplan scheint ja geradezu fürchterliche Aufgaben für dich parat zu halten.“
„Ohja. Das Bankett zum Jungfernflug der Galathea. Ein Sammelsurium an Personen, zu denen ich die nächsten Jahre meines Lebens aufblicken kann. Wissend, dass es nichts an mir gibt, was sie an mir schätzen dürften. Du hast recht, ich werde mich unauffällig in eine Ecke nahe des Buffetts stellen, hoffen, dass mich keiner beachtet, eine gelungene Portion Essen auf meinen Teller packen und mich zurückziehen, sobald es die Etikette erlaubt. In freudiger Erwartung meines Padds, auf dem ich mich den Sachen widme, die wirklich zählen. Der Wissenschaft. Ich hab mir fest vorgenommen, heute noch ein Kapitel Tzenkethische Gesetzgebung durchzulesen.“
Das Lächeln des Napeaners verschwand. „Bist du immer noch beleidigt über die Beorderung auf die Galathea? Herje, du nimmst das einfach viel zu persönlich.“
„Ach was, ich bin doch nicht beleidigt. Ich sehe das entspannter als du denkst. All diese Admiräle und Kommandeure werden weder auf ihren Schreibtischen, noch bei solchen Banketten ein Interesse an meinen Talenten haben. Die sind letztendlich alle auch nur pragmatisch und ich bin sicher nicht so arrogant zu glauben, dass ich in irgendeiner Form besser wäre als irgendein anderer blutjunger Ensign. Sollen sie doch Ainis Erbe in mir sehen. Aber meinen Crewkollegen werde ich hoffentlich schon bald zeigen können, dass ich mehr bin als nur ein Schatten meiner früheren Existenz. Das ist mir viel wichtiger. Ich habe mir fest vorgenommen, für mein Umfeld ein wichtiger Teil ihrer Arbeit zu werden. Basierend auf die Entscheidungen MEINES Lebens.“
Hätte der Napeaner eine Stirn, die man runzeln könnte, hätte er es nun vermutlich getan. „Ist ja in Ordnung, Aru. Versuch es aber bitte nicht übers Knie zu brechen. Wenn du den Leuten deine Identitätskrise schon am ersten Tag auf das Brot schmierst, fällt das zurück wie ein Bumerang. Da kann ich dir dann auch nicht helfen.“
„Identitätskrise? Willst du mich jetzt...“
„Ich will nur sagen, dass du dich entspannen sollst.“ unterbrach Pondox den Wutausbruch des Trills im Ansatz. „Das heute ist nur ein Bankett. Du musst keinem was beweisen und es ist auch überhaupt nicht schlimm, wenn du dir drei vier Tage Zeit lässt, deinem Umfeld zu beweisen, dass du Grwydro Aru bist und nicht jemand anderes. Keinem ist geholfen, wenn du da an Bord auf einmal verkrampfst. Und ich sage dir das nicht zum ersten mal. Wärst du Aini Aru, dann wärst du nicht an Bord der Galathea.“
Grwydro blickte grummelnd zur Seite.
„Und wenn du es vielleicht auch gerade nicht hören willst. Glaub mir, an Aini war nicht alles schlecht.“
Der Trill blickte wieder auf den Monitor, sein Gesicht hatte nun etwas oberlehrerhaftes. „Was du nicht sagst. Erzähl mir noch mehr Dinge, die ich noch nicht weiß.“ garnierte er den Satz mit etwas ironischem Unterton. Beide fingen an zu lachen.
„Na komm, Grwydro, du musst dich für das große Fressen fertig machen. Deine Festtagsuniform wartet auf dich... ich hab da noch was für dich, das nordet dich vielleicht noch ein wenig.“
„Kommt jetzt wieder deine Liebhaberei für klassische Erdenmusik?“
„Du weißt wie ich dazu stehe. Für mich sind Leute wie Bowie, John, Fischer und Ongakuka de Mirai die großen Poeten ihrer Zeit. Viel Spaß damit. Und dir einen schönen Abend sowie Abflug. Bis zum nächsten mal.“
„Machs gut, mein Freund.“ Grwydros neuerliche Handbewegung wandelte den Monitor wieder in den Spiegel. In der Ecke gab ein Display kund, daß er eine Musikfile erhalten hatte. „Computer, spiele erhaltene File ab“
[Spiele File „Billy Joel – Vienna] antwortete die freundliche Systemstimme. Kurz danach erklangen wahrlich beruhigende Melodien und die Worte eines vor Jahrhunderten verstorbenen Erdenmusikers durch das Zimmer. Grwydro hingegen widmete sich der Abenduniform.
 
“Slow down, you crazy child
You're so ambitious for a juvenile
But then if you're so smart, then tell me
Why are you still so afraid?
Where's the fire, what's the hurry about?
You'd better cool it off before you burn it out
You've got so much to do
And only so many hours in a day
But you know that when the truth is told
That you can get what you want or you get old
You're gonna kick off before you even get halfway through
When will you realize, Vienna waits for you.”

“Wer wohl diese Vienna ist?” wunderte er sich noch, als er die Uniform letztendlich anhatte und sich noch einmal im Spiegel betrachtete. Er sah wirklich gut aus in dieser Uniform. Edel. Sie strahlte einen gewissen Stolz aus, die nicht jeder auszustrahlen wusste. Pondox Worte blieben ihn im Ohr. Ja, Aini hätte dem jetzigen Aussehen noch eine persönliche Note hinzugefügt. Sie hätte diesem Ehrenvollen Anblick noch zusätzlich Glamour verliehen. Sie hätte gewusst, wie die Leute heute Abend schon ihn in Erinnerung behalten hätten.
 
Slow down, you're doing fine
You can't be everything you want to be
Before your time
Although it's so romantic on the borderline tonight
Tonight, too bad but it's the life you lead
You're so ahead of yourself that you forgot what you need
Though you can see when you're wrong, you know
You can't always see when you're right.
you're right, You've got your passion, you've got your pride
But don't you know that only fools are satisfied?
Dream on, but don't imagine they'll all come true
When will you realize, Vienna waits for you?

“Ein Blumenkranz. Sie hätte sich einen Kranz aus gelben Kamillenblüten ins Haar gesteckt, passend zur Farbe der Uniform. Dezent, aber eben spielerisch. Dazu ein gewinnbringendes Lächeln aufgesetzt. Ohja, Aini hätte an diesem Bankett ihre Freude gehabt und geglänzt.“ Er blickte auf den Zimmerreplikator. Ein paar gelbe Blüten als Haarschmuck wären wahrlich keine schwierige Besorgung gewesen. Kurz lächelte er. Dann verließ er das Quartier in Richtung Aussichtsdeck, Werft 12.
 
Slow down, you crazy child
And take the phone off the hook and disappear for awhile
It's all right, you can afford to lose a day or two
When will you realize, Vienna waits for you?
 

#Ort: San Francisco Fleet Yards, Aussichtsdeck Werft 12, synchrones Erd-Orbit, Sol-System
#Zeit: Mittwoch, 13. Januar 2416, 18:43 Uhr (MD 0.1843)
#Ball: Bankett zum Jungfernflug.
 
Genau wie geplant, hatte sich Grwydro unauffällig in eine Ecke nahe des Buffets verkrümelt. Bloß nicht auffallen. Wenngleich er hoffte, vielleicht noch einen anderen einstigen Mitkadetten zu entdecken, der ebenfalls sein neues Heim die Galathea nennen konnte. So ganz unter Fremden war ihm dann doch nicht wohl. So schweifte sein Blick umher, aber momentan war niemand bekanntes zu erspähen. Meist sah er auch nur die Rücken der Leute, denn vorne hielt Admiral Marcus Stierer eine weitere Rede.
 ...."Wir kennen uns nun schon lange. Und so möchte ich dich zu deinem Kommando beglückwünschen" sagte Stierer, während er Commander Solowyov die Hand schüttelte.
"Danke, Admiral.. Marcus" antwortete dieser.
"Ich habe noch etwas für dich.." sagte der Admiral und holte unter dem Rednerpult eine Plakette hervor, wie sie jedes Schiff der Sternenflotte trug. Darauf waren Name und Nummer der Einheit eingraviert, ebenso die am Bau beteiligten Konstrukteure und Abteilungsleiter. "Hier - möge sie dir und deiner Crew Glück bringen."
Aleksander Solowyov nahm die Plakette entgegen und hielt sie für alle sichtbar in die Menge, schwenkte sie ein wenig hin und her.
Das war er, der eigentlich bedeutende Moment. Grwydros Blick blieb eine Weile auf der Plakette hängen. All diese Reden... Schall und Rauch. Doch diese Plakette war ein echtes Symbol. Für viele ein Symbol für Heimat, für viele andere ein Symbol der Chance, etwas zu erreichen, nochmals für andere das Symbol für Werte und den Willen, für diese einzustehen. Letztendlich war sie all das zusammen. Und für ihn Symbol dessen, was er wollte. Einer Sache dienen, für die er mit seinen Talenten die bestmögliche Besetzung sein durfte.
"Und nun, ohne weitere Umschweife..." ergriff Marcus zum letzten Mal das Wort: "... das Buffet ist eröffnet."
 
Grwydros Blick hing immer noch auf der Plakette. Kurz zuckte er zusammen, als sein Umfeld plötzlich sich gebündelt in seine Richtung bewegte. Als sei er aus einem Traum erwacht. Dann aber hatte er sich auch schon einen Teller geschnappt und begnügte sich am Buffet... ganz nach Vorschrift. 

</ RPG>

< SUM> 

Grwydro macht sich wider willen zum Bankett auf

</SUM>

Ich hoffe, ihr habt so viel Spaß beim Lesen wie ich beim Schreiben. ^^ Und gönnt euch den Song auch ruhig mal. ^^

Servus
Dannimax