Shady Behavior (XI): Jüngstes Gericht

Ratana Tiru
 

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Liebe Ody-Crew,

einige von Euch sterben gerade vor Spannung (wurde mir so berichtet ;) ) . Wir wollen euch nicht länger zappeln lassen. 

Jede noch so tolle Serie hat irgendwann eine letzte, umwerfende Episode, in der es (hoffentlich) nochmal so richtig kracht. Und das trifft hier auf jeden Fall zu. 

Wir sind noch ein paar Stufen tiefer in die Abgründe der Charaktere hinabgestiegen. Hoffen aber ihre Handlungen und Beweggründe verständlich eingebunden zu haben. Einige Szenen sind sicherlich in ihrer Beschreibung nichts für zarte Gemüter, sind aber dem Aufbau von Dramatik zuträglich.

Wir wünschen Euch auch weiterhin viel Lesefreude. 

Phil und Linda


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Ort: unbekannt
Zeit: in der Zukunft


Die Härchen auf den Fingern waren nun auch grau geworden. Die Zeichen des Alters traten nun auch auf den Fingern in Erscheinung. Nicht nur seine Sehkraft hatte nachgelassen, auch seine Haare waren, wenn auch sehr spät ergraut. Sanft strich er die Haare auf dem Finger glatt, doch sie waren widerspenstig, wollten nicht so liegen, wie er das gerne sehen würde. Er legte eine Hand auf die andere und bedeckte sie so. Es ging ihm nicht um die Härchen. Er hob den Blick. 
 
Sorgsam hintereinander aufgestellte Kerzen wiesen die Richtung, die der Blick nehmen sollte. Die Kerzen brannten hell, die Flammen waren ruhig. Das meterhohe in Gold gerahmte Altarbild wurde durch unsichtbare Scheinwerfer angestrahlt. Die Farben waren klar sichtbar, das Geschehen niemandem fremd, der sich mit der Zentrale der fast untergegangen katholischen Kirche beschäftigt hatte. Der alte Mann blickte auf eine Kopie des wohl kontroversesten als auch schönsten Werke Michelangelos. Das Jüngste Gericht.
 
Auf seinem in dunkles Leder eingeschlagenem Gebetbuch glitzerte das Kreuz im Licht. Es lag vor ihm auf der Kirchenbank wie ein Schutzwall. Das Lesezeichen aus Samt, das er vor Jahren von einer Frau geschenkt bekommen hatte, für die er fast seine Gelübde gebrochen hatte, würde ihm zielsicher den Weg zu den Psaltern, den ältesten Gebeten der Israeliten, führen, dem Volk, dem sein Heiland angehörte. Der durch die altertümliche Brille verstärkte Blick wanderte in die Mitte des Bildnisses, zum auferstandenen Jesus Christus.
 
In dem dargestellten Geschehen war nichts barmherzig, keine Spur von Nächstenliebe, Toleranz oder Gnade. Der Auferstandene Christus urteilte als Richter, welche Menschen in den Himmel auf- und welche durch das Feuer in die Hölle niederfuhren. Die Zeit der Gnade war vorbei, das Urteil war gesprochen und Christus der Weltenherrscher vollstreckte es mit starrer Miene. Michelangelos Vorstellung des Weltengerichts hatte ihm nie gefallen. Es war zu streng, es zu brutal, es war alptraumhaft, da keine Gnade mehr sichtbar war. 
 
Knarrend öffneten sich die Kirchentüre. Der Priester senkte den Blick nach links unten und sah auf dem Boden, wie Lichtschein in die Kirchen eindrang. Er widerstand der Versuchung, sich umzudrehen und atmete tief durch. Schwere Schritte erklangen über den Kirchenboden. Eine Reihe hinter ihm ächzte das Holz, als der Besucher die dunklen Kirchenbänke betrat und sich niederkniete. Der Priester schob die obere Handfläche auf die Finger der anderen Hand, die nervös anfingen zu zucken. Das hatte nie aufgehört.
 
„Vergib mir, denn ich habe gesündigt.“ die Stimme klang rau und weil der Priester schon Millionen solcher Gespräche geführt hatte, wusste er, dass die Schwere der Schritte nicht nur von den Stiefeln oder dem Körpergewicht herrührten.
 
„Was hast Du getan, mein Sohn?“ automatisch purzelten ihm die Worte über die Lippen. Sein Blick war leer auf das Jüngste Gericht gehaftet. Sein Geist konzentrierte sich auf das beginnende Gespräch. 
 
„Ich bin nicht Ihr Sohn. Mein Vater war ein angesehener Ingenieur der Sternenflotte. Er hat Schiffe gebaut, die den Badlands standhalten. Ich bin stolz auf ihn.“ 
 
„Verzeih.“ Der Priester griff fester in seine Hand. „Was liegt Dir auf dem Herzen?“ 
 
Nach einer Weile erklang die Stimme des Unbekannten 
 
„Meine Ausbildung ist humanistisch. Ich habe gelernt, alles Leben zu achten und zu schützen. Ich habe Klingonen, Vulkanier, Menschen, viele Repräsentanten vernunftbegabter Lebewesen geholfen, ihre Widerstände abzubauen und sich selbst kennenzulernen. Ich habe die Heilung von Traumata unterstützt und habe viele Sorge und Nöte ernst genommen, weil sie für die betreffenden Personen ernst waren.“ 
 
Der Priester sagte nichts, er hörte zu. 
 
„Und doch habe ich einmal Leben genommen.“ 
 
„Warst Du im Krieg?“
 
„Nicht damals.“ 
 
„Du hast getötet?“
 
„Nein“ Die Stimme verstummte.
 
„Es scheint dich zu belasten, sprich mit mir.“ 
 
„Ich habe nicht getötet. Ich habe es geplant. Ich habe jemanden nicht einschlafen lassen, als es soweit war. Ich habe sie wach gehalten, bis alles zu Ende war. Ich habe sie nicht versöhnt, ich habe gespalten, ich war nicht barmherzig, ich habe zerstört. Ich habe ihre Schmerzen verlängert, bis sie mir unter den Fingern weggestorben ist. Ich habe nicht getötet, ich habe sie ermordet.“
 
Der Geist des Alten verarbeitete, was er gehört hatte und sein Blick verlor die Leere. Seine Konzentration war zurück und fiel auf den richtenden Christus, der das letzte Urteil sprach.


Ort: Büro des CNS 
Zeit: MD 0.1730 

Juliette de Moncoeur blickte Cal von Bildschirm aus an. Ihr virtuelles Gesicht drehte sich im 90° Grad Winkel neben den Angaben aus ihrer Personalakte. Mit gelben Unterstrichen waren Angaben wie "Ines de Moncoeur", "Bogenschießen" und Straßburg unterstrichen. In hellgelben Kommentarfeldern hatte Cal Notizen eingefügt, die unbeantwortete Anfrage an das SMC Medical blinkte rot am unteren Rand des Bildschirms auf. Entweder hatten die Marines anderes zu tun oder beantworteten keine Anfragen eines Schiffscounselors. Dass die Anfrage vor Stunden gelesen wurde, zeigte ein grünes Häkchen im Header der Nachricht.

Auf dem anderen Bildschirm war das Schema von Juliettes Quartier dargestellt. Es zeigte den Schlafraum, den Aufenthaltsraum und das Bad. Es war das klassische Quartier eines Offiziers auf einem großen Sternenflottenschiff.

Cal lehnte sich in seinem Sessel zurück und knabberte mit seinen Zähnen sanft an dem Fingernagel seines rechten Daumens. Er war noch nie irgendwo eingebrochen und hatte auch noch nie eine Wohnung durchsucht. Er hatte sich überlegt, wo er so wertvolle Geheimnisse verstecken würde und hatte versucht, sich in einen Marine zu denken. Einige Stellen, wie die Toilette, die Duschwanne oder das Rückgabefach des Replikators waren ihm eingefallen. Orte an die niemand ging, die man nicht freiwillig öffnete oder der Aufwand dazu zu hoch war. Der Psychologe war sich sicher, dass die Aufnahme auf einem Padd dezentral gespeichert war. Hatte Juliette die Datei öffentlich irgendwo gespeichert, gäbe es immer die Gefahr, dass man sich von außen reinhaken konnte. Er war sich sicher, dass die Marine die Datei lokal getrennt haben wollte. Ein Padd, ein Stick, ein Kristall oder ein Speichermedium erschien ihm wahrscheinlich. Er hatte auch an eine Waffe gedacht. Womöglich hatte sie die Datei in den Zielespeicher downgeloaded. Oder den Gardesäbel. Mit einem Laser könnte sie das Datenmuster kaum merklich in die Klingegravieren. Cal lehnte sich zurück. Für Juliette könnte das passen. Eine Frau, die ihre stereotype Attraktivität wie eine Auszeichnung vor sich hertrug, könnte die ultimative Waffe eingraviert auf einem Knopf ihrer Gardeuniform, auf einem Orden oder ihren Rangabzeichen tragen.

Er würde in der Schiffswäscherei anfragen, wie oft de Moncoeur ihre Uniform reinigen ließ. Cal löste den Daumen von seinen Zähnen und ergänzte seine Notizen. Dann schnappte er sich das Padd mit dem Schlüssel zu ihrem Quartier und blickte ein letztes Mal auf ihre Personalakte. Ihr Kopf drehte sich in diesem Moment zu ihm hin und es schien, als würde sie ihn ansehen. Sie schien zu sehen, was er tat und lächelte spöttisch. Ein Einbruch würde im besten Falle die Datei bringen, aber de Moncoeur war gewiefter. Sie hätte Sicherungsdateien irgendwo.

Cal blickte in das Konterfei de Monceours. Er wusste das, er wusste, dass sein Plan nicht das Geschehene rückgängig machen könnte. Die Spirale würde sich weiter drehen. Sie war das Problem, nicht die Aufnahme. Der Daumennagel knackte, als sich Cals Zähne durchbohrten. 

*** Counselor Mannix zur Shuttlerampe 1. Die Marines kommen vom Gefecht am Außenposten 1212 zurück und Sie werden laut Protokoll mit Ihrer Abteilung bei der Triage benötigt. 

Die Stimme der Trill-Ärztin riss ihn aus den Gedanken. "Was?" sagte er laut, auch wenn er wusste, dass der Befehl nicht wiederholt wurde. "Triage?" Er beugte sich zu seinem Terminal vor und las die einkehrende Nachricht. Es hatte Verluste gegeben, viele Verletzte. Schnell gab er 'de Moncoeur' als Suchbegriff ein. Vielleicht gab es Hoffnung, vielleicht hatte sich die Sache von selbst gelöst. Seine Anfrage wurde verneint. Es gab kein 'de Moncoeur' auf der KIA Liste, also kam sie zurück. Gefühlte Eiswürfel kullerten über seinen Rücken. Er hatte seine Chance verpasst, er hatte ihr Quartier nicht durchsuchen können. Der Krieg würde weitergehen. 

*** Counselor Mannix zur Shuttlerampe 1. Die Marines kommen vom Gefecht am Außenposten 1212 zurück und Sie werden laut Protokoll mit Ihrer Abteilung bei der Triage benötigt.*** dröhnte es erneut durch seine Quartier. Er musste die Anforderung bestätigen. Seine Füße wurden weich, als er auf sein Combadge hieb "Verstanden, Mannix Ende!" Er rannte los, noch immer das Padd in der Hand. 


Ort: Hangar - Triage
Zeit: MD 0.1800 

"Moment" Cal klappte den Tricorder zu und griff mit an die Trage. Gemeinsam schob er mit der Trill das Bett an seinen neuen Platz. Cal hatte den Marine darauf gescannt, der rechte Arm fehlte, er hatte schwere Disruptorentreffer in den Unterleib erhalten. Seinem Tricorder nach hatte der Soldat eine erhöhte Atemfrequenz, er holte mehr als 30 mal pro Minute Luft. Cal hatte ihm eine Standardstimulanz gegeben und ihn dann in die Sichtungskategorie Rot eingestuft. Der Marine musste sofort behandelt werden, um sein Leben zu retten.

Die Trill und er hatten die Trage in den roten Bereich geschoben. Sie nickten sich zu und ging wieder auf ihre Positionen zurück. Rani Than hatte Cal als Offizier bei der Sichtung eingeteilt. Zusammen mit Dr. de Satos sichtete er im Vier-Augen Prinzip die einkehrenden Soldaten auf ihre Überlebenschancen. Nicht nur als Counselor, sondern auch als ausgebildeter Intensivsanitäter konnte er hierbei unterstützen. 

Cal sah, dass de Santos eine weitere verletzte Person scannte. Sie fuhr mit dem Scanner über eine Trage , schloss den Tricorder und steckte dann eine rote Karte an das Fussende. Dann wandte sich die üblicherweise redseelige Ärztin einem neuen Patienten zu. Cal hatte sie nun erreicht und sah, wie die Ärztin einen medizinischen Assistenten anwies, den Mund des Marines zu öffnen und seine Atemwege zu befreien. Der Bolianer beugte sich vor, öffnete den Mund und befreite die Atemwege von Schleim und Blut.  

De Satos wechselte ihren Blick vom Tricorder zum Torso des Marines. Sie zählte stumm auf 10. "Weiterhin Atemstillstand trotz Befreiuung der Atemwege, schwarze Karte." Der Bolianer blickte auf und zögerte. 

De Satos schloss den Tricorder und blickte den Bolianer an. "Petty Officer, wir müssen sortieren. Anhaltender Atemstillstand auch nach Befreiuung der Atemweg, um das abzufedern bräuchten wir einen intensivmedizinischen Platz, den wir im Moment nicht frei haben. Es tut mir leid." Sie hielt den Blick solange aufrecht, bis der Bolianer auf seine Kärtchen blickte und eine schwarze Karte herausfischte. Er steckte sie an das Ende der Trage und folgte der Ärztin weiter. 

Cal blickte den bewegungslosen Marine an, dessen Todesurteil gerade unterzeichnet worden war. Der Soldat rührte sich nicht, wahrscheinlich war er längst tot. Cal ging an der Trage entlang und legte seine Hand auf seine Augen. Sie waren bereits geschlossen, aber der Psychologe nutzte die Handlung als Ritual um den Mann zu verabschieden. 

"Rekapillarisierungszeit mehr als 3 Sekunden, schwerer innere Blutungen. Petty Officer, legen sie einen Druckverband um die beiden Arme und geben sie ihm Neurostimulanzia. Blaue Karte!"

Cal hörte auf. Sein rudimentäres medizinisches Wissen reichte aus, um die Schlussfolgerungen aus De Satos Diagnose zu ziehen. Die inneren Blutungen waren so stark, dass die Durchblutung der äußeren Hautschichten zu gering war. Die Neurostimulanzia sorgten dafür, dass der Patient keine starken Schmerzen mehr empfand und in eine gleichgültige Haltung fiel. Die Überschrift über diese medizinischen Behandlung würde 'Sterbebegleitung' heißen. Das war ein Fall für seine Leute im blauen Bereich.

Der CNS sah, wie Personal aus der technischen Abteilung die Tragen aus der Sichtung schoben. De Satos ging weiter und der Bolianer folgte ihr. Cal holte auf, es war sein Job, die Ärztin zu unterstützen. Als er sie erkannte, fühlte er sich, als hätte man eine Zigarette auf seinem Hals ausgedrückt. 

Lt. Juliette de Moncoeurs perfekt sitzende Uniform war zerrissen und wies an verschiedenen Bereichen schwarze Brandflecken auf. Einer ihrer Stiefel fehlte und man sah die schwarzen funktionellen Strümpfe, in denen ihre Füße steckten, wenn sie die Kampfmontur trug. Die offenen Uniformteile gaben den Blick auf ihre Haut frei. Kaum eine dieser Stellen zeigten ihre makellose Haut. Viele Löcher und Risse in der Uniform waren mit verkrustetem Blut, Brandblasen,Schrapnellen und Dreck übersäht. Ihre roten Haare auf der linken Seite angesengt, auf der rechten Seite nicht mehr vorhanden. Ihre Kopfhaut war von Schorf und verbrannten Hautfetzen bedeckt, auf ihre Stirn schälte sich die obere Hautschicht schwarz von roten Fleischfasern ab. Gelbe-braune Flüssigkeit bedeckte einige Wunden und suchten sich in dünnen Fäden den Weg über ihre Augen. Ihr rechtes Auge war rot und geschwollen. Neben Spuren von bernsteinfarben war kein weiß mehr sichtbar. Mehrere Äderchen waren geplatzt und verkrustetes Blut über den Tränensäcken deutet an, dass ihre Tränenkanäle mit Blut geflutet worden waren. Ihre Wangen waren von schwarzen Brandblasen übersät, von denen einige aufgebrochen waren und stinkende gelb-braune Flüssigkeit ausgesondert hatten. Um ihr rechtes Ohr war die Haut aufgeplatzt, verkrustete Blutspuren bedeckten Teile des grauen-weiß glänzenden Schädelknoches. Ihre Ohrmuschel war nicht mehr da, rot-braune Haut- und Muskelfetzen bedeckten den Gehörgang.

Cal kam nicht umhin, das Gesicht zu verziehen, seine Augenbrauen zogen sich zusammen. Mittlerweile hatte sie seine Anwesenheit bemerkt. Ein leises Stöhnen kam zwischen ihren Zähnen hervor, die Lippen hatten sich bis zu ihrem Philtrum hinauf aufgelöst.

"Schwere Hautschäden, die bis in die dritte Schicht reichen. Zahllose Verbrennungen des 3. Grades, ein Diruptortreffer im Unterleib. Innere Blutungen. Wenn sie nicht sofort gestillt werden, stirbt sie. Rote Karte!" De Satos gab klare Anweisungen. Mit wenigen Handgriffen teilte der Bolianer der Marine eine rote Karte zu. 

"Counselor!" Cal war neben die Trage mit Juliettes getreten und blickte sie an. Ihre Augen hatten sich an seine geheftet. Er legte seine Hand auf ihre, beide wussten, dass das keine zärtliche Geste war. //Das letzte, was Sie in Ihrem Leben sehen werden, werde ich sein!// Cals Worte, die er im Casino zu ihre gesagt hatte, hämmerten in seinen Kopf.

"Counselor!" De Satos Stimmte rief ihn wieder in die Gegenwart. "Bitte?" Cal wandte sich zu ihr um, Juliettes Hand ließ er nicht los. 
"Ich komme hier gut zurecht, schauen Sie bitte, dass die Verteilung funktioniert." Die Ärztin deutete auf die Schlange vor dem Verteilerknoten. 

Der CNS blickte sich um. Mehrere der fahrbaren Tragen hatten sich vor dem kleinen Zugang gesammelt an dem die Patienten auf die Krankenstation oder die Notfall-KS verteilt wurden, selbst die Patienten mit den roten Karten kamen nicht weiter. "Verstanden, Doc!" quittierte Cal, drückte Juliettes Hand noch einmal und wandte sich dann zum Verteilerknoten. 

=^= 

"Hey!" Die Bajoranerin runzelte die Stirn, was ihre natürliche Falten noch mehr Geltung verliehen. Der Trill sah die Bajoranerin wohl nicht und zog an dem Bett. Beide Betten krachten am Fußende aufeinander, Padds und Kärtchen verteilten sich auf dem Boden. Innerhalb eines Augenblicks war Cal bei den beiden. "Alles gut, atmen sie dreimal durch.. Richtig, 1x, 2x, 3x."

Der CNS beugte sich und sammelte die Kärtchen ein, die auf den Boden gefallen waren. Er reichte dem Trill die rote Karte und der Bajoranerin die blaue. Cal schnippte in die Luft und ein Petty Officer der Technik stand bei ihm. "Helfen Sie hier," er wieß auf den Trill und das Bett mit dem Marine. Die rote Karte steckte drohend am Fußende der Trage. "Schauen Sie, dass der Soldat so schnell wie möglich intensivemdizinische Behandlung erhält." Der PO nickte und stellte sich neben den Trill. Beide schoben ihn weiter durch den Verteiler. 

"Kommen Sie, ich helfen Ihnen." Die Bajoranerin nickte Cal zu. "Diese Trage muss in den blauen Bereich." Er begann zu schieben. Als Juliette sah, dass Cal an ihrem Bett stand und mit der Bajoranerin schob, gab sie einen Laut von sich, den niemand hören konnte. Sie war zu schwach um zu sprechen. Die Bahre setzte sich in Bewegung und steuerte den blauen Bereich an, in dem Stimulanzien und Schmerzmittel verteilt wurden, um den hoffnungslosen Patienten den Übergang in den Tod so schmerzfrei wie möglich zu gestalten. 

=^= 

Das Analysegerät piepste in stetigem Rhythmus. Der CNS blickte sich um. Blauuniformierte aus seiner Abteilung kümmerten sich um die tatsächlich wenigen Marines im blauen Bereich. Wer wirklich schwer verwundet worden war, hatte bereits den langen Flug nicht überlebt. Wer jetzt hier lag war erst mit der Zeit zum wirklich kritischen Fall geworden. De Moncoeur war eine der Ausnahmen. Was die Frau so lange am Leben gehalten hatte, gab Rätsel auf. Sein Blick wanderte zu einem Replikator, der gerade nicht bedient wurde. Mit wenigen Schritten war er dort, aktivierte das Gerät mit einem Knopfdruck. Ein elektronisches Piepton signalisierte "Einen Handspiegel, Erde, 19. Jahrhundert, viktorianischer Stil." Ein weiterer Ton gab an, dass der Computer den Befehl verstanden hatte. Blaue Funken begannen im Ausgabefach zu tanzen und nach wenigen Augenblicken kristalisierte sich die verspielte Form eines Handspiegels an. 

Cal griff in das Fach und holte den Spiegel hervor. Die Reflexionsfläche war glatt und sauber, sein Gesicht wurde makellos gezeigt. Seine Falten um die Augen waren ein bisschen tiefer geworden, seine Bräune focht einen harten Kampf gegen graue Blässe. Er wandte den Blick von sich ab und begutachtete den Handspiegel. Um das Zenrum schwangen sich verzierte Ranken, die einen floralen Eindruck erwecken sollten. Am Kopf des Spiegels fauchten sich zwei Schlangen mit weit aufgerissenen Mäulern an. //Schlangen, wie passend.// dachte der CNS und wandte sich der Patientin zu, um die er sich nun kümmern wollte. 


Ort: Hangar - Blauer Bereich
Zeit: MD 0.1820

First Lieutenant de Moncoeur lag auf einem provisorischen Krankenbett. Die Sensoren an ihrem Körper zeigten durch Blinken die ständige Datenverbindung mit dem Analysegerät rechts neben ihrem Bett an. Das unverletzte Auge glitt suchend durch den Raum, der durch bewegliche Wände abgegrenzt war. 

Die enormen Verbrennungen schickten immer wieder das Gefühl von Kälte durch ihren Körper, erkennbar an einer Welle von Zittern und Zuckungen. Die Mengen an Schmerzmitteln, die Dr. Christopher bereits auf dem Bird in Prey in sie hineingepumpt hatte, machten ihre Gedanken träge. Es glich sowieso einem Wunder, dass sie lebend hier angekommen war. Dr. Christopher hatte nicht damit gerechnet. Juliette war zäh, zäher als man es ihr zutraute. Die in ihrem Blutkreislauf vorhandenen Schmerzmittel hätten einen Elefanten niederstrecken können.  

Sie nahm wahr, wer da an ihrem Bett saß. Sie wollte etwas sagen, aber es quoll nur rosa gefärbter Schaum aus ihrem Mund. Sie gurgelte, hustete. Die Blutungen in ihrem Körper fraßen sich unaufhaltbar voran. Selbst mit einer zeitnahen Operation waren ihre Überlebenschancen aufgrund der schweren Verbrennungen fraglich. 

Sie spürte eine Kompresse um ihren Mund. Sanft wurde der rosa Schaum weggewischt.
„Das macht doch nichts. Warten Sie,“ Cal tauchte plötzlich in ihrem Blickfeld auf. „Ich will Sie nicht verletzen.“ Stumpf nahm sie seine Berührungen wahr. Und sie merkte, dass dort, wo sie ihre Lippen spüren sollte, sie nur ihre Zähne spürte. Sie folgte den Bewegungen Cals, wie seine Hände sanft die Kompressen um ihre Mundgegend führten. Sie versuchte ihre Arme und Beine zu bewegen. Den Zeigefinger der rechten und den Daumen der Linken konnte sie gefühlte Millimeter von der Matratze des Bettes heben. Ihre Zehen spürte sie nicht und weder ihre Ober- noch Unterschenkel konnte sie anheben. Ihr Körper war durch die Schmerz- und Beruhigungsmittel lahmgelegt. 

Cal hatte die Kompresse mittlerweile weggeworfen, seinen Kopf aber noch immer über sie gebeugt. „Und so trifft man wieder aufeinander. Muss schlimm gewesen sein, da drüben.“ Cal öffnete seine Lippen und seine weißen Zähne blitzten sie an, während er sie anlächelte. „Wissen Sie eigentlich, wie Sie aussehen?“ Sie antwortete nicht. Einen Augenblick später brachte Cal einen Handspiegel in ihr Blickfeld. Sie konnte ihre Augen nicht mehr rechtzeitig schließen, um ihr entstelltes Gesicht zu sehen. Sie sah das verkrustete Blut, das offene Fleisch und die Gesichtsmuskeln. Sie sah die Verbrennungen in ihrer rechten Gesichtshälfte und das verletzte Auge, um das herum soviel Haut abgetragen war, dass die runde Form sichtbar war. Es lag in der Augenhöhle, gehalten von wenigen  unverletzte gebliebenen Sehnen und dem Augenlid. Juliette schlug entsetzt die Augen zu und tatsächlich funktionierte es. Sie sah für einen Moment nichts, aber ihr aktuelles Gesicht starrte sie in der Dunkelheit an. 

Cal sah, dass ihr Atem schneller ging und ihr Puls beschleunigte. Mit ihrem aktuellen Aussehen war sie wohl nicht zufrieden. Er blickte auf die Anzeigen, um sich seines Eindrucks zu versichern. Die Angaben sprachen für einen erhöhten Erregungsgrad. Der CNS zog den Spiegel weg und legte ihn auf den Boden neben dem Bett. Als er sie wieder anblickte, sah er, wie sie ihren Mund bewegte. Er beugte sich vor, brachte seine Ohren nah an sie heran. 

"Sie.... verdammtes... Schwein...!" Ihre Stimme war ein Hauchen, die Lautstärke so gering, dass es mehr ein leises Flüstern war. Der CNS lächelte und wandte ihr dann wieder sein Gesicht zu. 

„Ich kann Sie nicht verstehen. Warten Sie, ich helfe Ihnen.“ Er strecke seine rechte Hand zum Steuerungspanel des Bettes aus. Die Steuerung war aus ihrer Reichweite. „So, in wenigen Augenblicken müsste es für Sie klarer werden.“ Auf dem grafischen Display ging der Konzentrationsbalken für die zentrale Schmerzmittelversorgung um 10 Punkte zurück. „Gleich wird es einfacher.“ Cal faltete seine Hände zusammen und beobachtete Juliette. Sie müsste recht bald auf diesen Eingriff reagieren. Er  lächelte kaum merklich. 

Es dauerte keine Minuten, als sie schlagartig ihre Augen öffnete. Cal sah sofort, dass ihr Blick klarer, konzentrierter und wacher war. Sie öffnete ihren Mund und ihre Brustkorb drückte sich durch. Bevor er etwas sagen konnte, begann sie leicht zu zittern, kleinste Schweißperlen zeigten sich auf ihren Oberarmen. Der Psychologe musste nicht auf die Analyse schauen, um zu wissen, dass er erreicht hatte, was er wollte. Sie gabe stumme Schreie von sich, sie hatte Schmerzen. 

„Es müsste jetzt für Sie klarer werden. Ich habe das Schmerzmittel reduziert. Auf der Erde sagt man ja, dass Schmerz und Leid den Charakter formen.“ Cal bewegte sich nicht und keinen Moment dachte er daran, die Schmerzmittelzufuhr zu erhöhen. "Ich bin bei Ihnen. Sie müssen nicht alleine sterben." Juliette schloss ihren Mund, ihr Zittern nahm zu, ihr Körper versuchte mit den Schmerzen umzugehen. Sie wandte den Kopf langsam zu Cal und blickte ihn aus tiefen, verletzten Augen an. "Sagen Sie, sind Sie religiös?" fragte Cal und nickte ihr zu. "Nicken Sie, wenn wir zusammen ein Gebet sprechen sollen. Ich kenne mich da nicht aus, aber wir werden sicher etwas finden." Juliettes Augen bohrten sich in ihn, wie zwei auf kurze Distanz aus einer Nagelpistole abgeschossene Nägel in den Hals eines neunjährigen menschlichen Kindes. Sie nickte nicht. Niemals würde sie das tun. Religion. Das war etwas, was ihrer verhassten Mutter viel bedeutet hatte, aber nicht ihr. 

Der CNS legte seinen Kopf quer und lächelte sie an. "Manchen fällt das Gehen schwer." Niemals würde er mit ihr ein Gebet sprechen. Eher würde er Fluchpsalmen beten und sich danach entschuldigen, dass die falsche Stelle gelesen hatte. Der Kampf zwischen ihnen beiden ging weiter. Die Marine schloss die Augen, sie musste einen Ausweg finden.  

Juliettes Körper brannte, ihr Gehirn pumpte Neurosignale durch den Körper, sie spürte, wie ihr Blut mit Stresshormonen gespült wurde. Sie versuchte mit ihren Fingern in Cals Richtung zu kommen, doch ihre Extremitäten versagten ihr den Dienst. Sie hatte mühsam den Kopf umgewandt, um ihn anzuschauen. Sie würde nicht kampflos aufgeben. Sie musste sich nur verständlich machen, irgendwann würde jemand in diesen mobilen Raum kommen und ihr gegen diesen sadistischen Psychologen helfen können. Obwohl ihr vor Schmerzen elend war, versuchte sich ihren Geist auf ihren Atem zu konzentrieren. Dazu erinnerte sie sich an ihre Dienstbezeichnung und ihre Dienstnummer. Das hatten sie ihm SERE Training gelernt. Bei Verhören ging es nicht darum, die vollständige Zeit zu überstehen, sondern sich kleine Zeiteinheiten zu schaffen und von einer in die andere zu kommen. Stufenweise zu überleben, war das Ziel. Und sie war wirklich zäh. Der innere Blutverlust, der sich mittlerweile in ihrem Bauchraum angesammelt hatte, war laut Anzeigen enorm. Wahrscheinlich war es nur noch der Hass, der sie am Leben hielt.

Nach einer gefühlten Ewigkeit, in der Cal sie einfach angesehen hatte, griff er wieder zum Steuerungspanel. Er erhöhte die Schmerzmittelzufuhr um drei Balken. Das waren sieben Einheiten weniger, als sie auf dem Bird of Prey bekommen hatte, aber es würde ihr etwas helfen. Dann griff er nach einem Hypospray, lud es und setzte es an ihren Hals. Sie versuchte, den Hals wegzubewegen, doch gegen Cal hatte sie keine Chance. Der Counselor setzte die Düse an den Hals und der Inhalt verteilte sich in ihrem Körper. Über Kapillaren drang er in ihr Blutsystem und damit in ihren Kreislauf. Sie drehte den Kopf wieder zurück um an die Decke zu blicken. Sie mussste sich konzentrieren.   

Cal ließ sich wieder in seinen Stuhl fallen und legte das Hypospray weg. "Sie wüssten gerne, was ich Ihnen gegeben habe, richtig?" 

Die Marine spürte, dass er die Schmerzmittelzufuhr erhöht hatte. Ihr Körper beruhigte sich etwas und gleichzeitig wurde sie schwach. Sie versuchte ihre zerfließenden Gedanken auf die Frage zu konzentrieren, was er ihr gegeben hatte. Dann plötzlich wurde sie wach und sie spürte, wie ein Schub durch ihren Körper fuhr. Sie riss ihre Augen wieder weit auf und fühlte sich, als wäre sie mitten in einem 100 Meter Lauf. Langsam und unter Schmerzen wandte sich den Kopf zu ihm.  

"Adrenalin! In sehr hoher Dosis." Als Juliettes Augen sich weiteten und ihr gleichzeitig Tränen in die Augen schossen, lächelte der Psychologe kurz und blickte dann ernst. "Ja, genau. Sie wissen, was jetzt passieren wird. Sie werden kurze Zeit sehr fit sein, denn ich will Ihre volle Aufmerksamkeit. Das Adrenalin wird allerdings alle Ihre Lebensgeister und Ihre Energie auffressen. Sie sind Psychologin, sie wissen was das mit ihrem Körper anstellt. Wenn die Wirkung nachlässt, werden Sie immer schwächer - schwächer als Sie es bisher waren. Ihr Immunsystem hat dann nichts mehr, womit es arbeiten kann." Ihre Tränen kullerten über ihre noch vorhandene Wange. Cal reagierte nicht darauf. Langsam drehte sie ihren Blick wieder zur Decke.  

Der Psychologe beugte sich zu ihr vor, so dass er sicher sein konnte, dass sie ihn sah. Sie schloss zwar die Augen, da sie ihren Kopf nicht weiter drehen konnte, aber das störte Cal nicht.  „Ich bin mir sicher, dass Sie wissen, dass Sie im blauen Bereich sind. Ich werde bei Ihnen bleiben, bis es zu Ende ist. Und ich glaube, dass Ihnen zwei Dinge klar sind. Der Weg dorthin wird schmerzhaft und,“ Cal machte eine Pause „Ich weiß immer noch nicht, wie religiös Sie sind. Aber das ist auch egal." Er holte kurz Luft, ließ aber den Blick nicht von ihr. "Ich habe keine Ahnung, ob sich etwas oder was oder wer sich hinter der Grenze des Lebens befindet, aber ich bin mir sicher," Cal holt nochmal tief Luft und legte seine freie Hand auf ihre, dass er ganz sicher war, dass sie wusste, dass er sie ansprach. "Ich bin mir wirklich sicher, dass jemand wie Sie," er atmete durch geschlossene Zähne aus, er war ihrem Gesicht so nahe, dass sie seinen Atem spüren musste, "...jemand wie Sie, dass Sie sich fürchten sollten.“ Cal blieb eine ganze Weile in ihrem Sichtfeld. Sie reagierte nicht, aber Cal wusste, dass sie ihn gehört hatte. Ihre Arme waren mit Schweißperlen bedeckt und sie zitterte merklich. Dann zog er sich langsam zurück und setzte sich langsam auf seinen Stuhl.
 
Nach einer Zeit versuchte sie wieder Worte zu formen. Aber es gelang ihr nicht. Sie hatte längst die Kontrolle darüber verloren. Sie riss nochmal die Augen auf. Sie konnte nicht mehr sprechen, nur röcheln. Rotweißer Schaum quoll ihr aus Mund und Nase. Keine Chance sich mitzuteilen. Es blieben nur ihre Gedanken und diese spiegelten sich in ihrem Auge wieder. Schmerz. Rebellion gegen das Unvermeidliche. Nach einer für sie gefühlten Ewigkeit ließ das Adrenalin nach und sie wusste, was das bedeutete. Das Adrenalin hatte in ihrem Körper wie ein Strohfeuer gewütet. Ihre Reserven waren aufgebraucht, ihre Erschöpfung würde immer mehr zunehmen, bis sie schließlich einschlafen und sterben würden. Im blauen Bereich würde sie keine medizinische Betreuung erhalten, die über palliative Hilfe hinausging. Wenn sie hier einschlief bedeutete dies, dass es vorbei war. Und für Personen, die starben, war der blaue Bereich errichtet worden. Wer es schaffte eine gewisse Zeit zu überleben, bis wieder OP Kapazitäten frei waren, hatte manchmal unvorstellbares Glück. Aber sie wusste, sie hatte so verdammt viele Männer verheizt, dass dies nicht geschehen würde. Zuerst behandelt wurden die Fälle mit den besten Überlebenschancen. Sie war mit ihren Handlungen verantwortlich dafür, jetzt hier zu liegen. Sie atmete mit unglaublicher Gewalt gegen die Flüssigkeit in ihrem Bauchraum an, was sie zusätzlich anstrengte. 

Der Psychologe beobachtete die Versuche der First Lieutenant, sich gegen ihren Zustand zu wehren. Er verspürte nicht den Drang, ihr zu helfen. Vielmehr war es ihm, der Frau zuzusehen, die seinem Leben und seinen Lieben derart zugesetzt hatte. Er spürte eine Geduld und Ruhe in sich, die er nicht kannte, die ihn tief atmen ließ. Würde man dieses Spiel mit einer Schlacht vergleichen, so hatte er unweigerlich gewonnen. Er musste nichts mehr tun, konnte sich abwenden und vergessen. Doch das würde er nicht tun. De Moncoeur hatte nicht verdient wie ein gewöhnlicher Gegner behandelt zu werden. Sie sollte mit den Tentakeln in Berührung kommen, die Cal tief in sich begraben hatte. Juliette de Moncoeur war es gewohnt, mit physischer und psychischer Gewalt umzugehen. Sie konnte beides anwenden und war in der Anwendung profiliert. Cal kannte nur eine Seite dieser Gewaltmedaille, aber Juliette war der Endgegner, der Cals volle Konzentration verdient hatte. Cal hatte wenig Ahnung von Militärstrategie, aber wenn er die Marine anblickte, wie sie auf dem Bett lag und ihrem Leben die letzten Atemzüge abrang, war er sich sicher, dass es Gegner gab, die bis ins letzte besiegt werden mussten. Eine Kapitulation reichte nicht aus, Juliette einzusperren hätte nicht ausgereicht. Die Frau war mit ihren Fähigkeiten und ihrem Krankheitsbild eine Gefahr für ihr Umfeld. Sein Blick fixierte die Marine, blendete die blinkenden Lichter der Sensoren aus und sah nur noch den Körper, der noch immer am Leben war. Er sah den Geist der Frau, der kämpfte. 

Wieder griff er nach ihrem Arm. Der Arm war nass vor Schweiß, ein Zeichen, dass Sie noch immer Schmerzen hatte. Er erhöhte die Dosis des Schmerzmittels wieder um eine Einheit. 

"So weit ich das aus Ihrer Akte sehen konnte, waren Sie auf einem Internat in Frankreich. Das ist weit weg von hier, und ich bin mir sicher, dass Sie die Erde nicht mehr lebendig erreichen werden." Er machte eine kurze Pause. Den Griff um ihren Arm zog er etwas an. 

"Ich glaube, dass Ihre dissoziative Störung auf dem Internat zu wachsen begann. Außenseitertum, keine Chance ihrem Hobby, dem Bogenschießen nachzugehen. Sie waren unbeliebt bei Ihren Klassenkameraden und gleichzeitig sind Sie als junge Frau herangewachsen. Haben Sie schnell gemerkt, was für eine Wirkung Sie auf Ihr Umfeld haben?"

Cal sah, wie sich ihre Finger leicht bewegten. Das reichte ihm als Reaktion. Er blickte auf das Analysegerät auf dem Schränkchen neben dem Bett. Ihre Werte sanken. Allerdings hatte sie ihn verstanden, die Reaktion deutete das an. 

"Was mir auch auffiel, Sie sind einem Gefangen gegenüber ausfällig geworden. Sie? Was hat er gemacht, bis er Sie soweit hatte, dass Sie ihn geschlagen haben? Soweit ich aus den Akten sehen konnte, trug er Handschellen." Cal lachte kurz. "Ein gefesselter Gefangener hatte Sie soweit provoziert, dass Sie ihn schlugen? Entweder hatte er Staatsgeheimnisse, an die Sie wollten oder er wusste etwas über Sie. Und ehrlich gesagt, ich vermute letzteres. An Staatsgeheimnisse würden Sie in einem Verhörzimmer kommen, da habe ich keine Zweifel. Ich glaube, dass der gute Mann etwas über Sie wusste. Vielleicht haben Sie sich wieder eine Leistung erkauft und er wurde wegen etwas anderes festgesetzt. Lassen Sie mich das ausmalen: Er kannte Ihre Achillesverse, vielleicht haben Sie es mit ihm getrieben, weil Sie etwas wissen wollten. Und Sie hatten Sorgen, dass er es weitererzählt. Sie haben ihm gedroht, haben seine Familie bedroht und er zeigte sich uneinsichtig. Sie haben ihn geschlagen und vielleicht auch mehr. Der gute Mann hat sich zwei Tage später in seiner Zelle erhängt. Ich würde gerne wissen, was es war, aber ehrlich gesagt," Cal blickte wieder auf die Anzeige. Sie war wieder leicht erregt. Er spürte am Arm, wie sie wieder zitterte. "ist es jetzt auch egal." 

Diese Erregung würde sie wieder Energie kosten. Er würde sie nicht einfach einschlafen lassen. Ihre Blutwerte zeigten einen rapiden Absturz an. 

"So nicht, Madame." Der Psychologe hielt den Blick auf dem Anzeigegerät haften und folgte der Linie. "Sie sind krank, de Moncoeur. Und wenn ich ehrlich bin, glaube ich, dass Sie nie gesund waren. Das hat wahrscheinlich alles vor der Schule begonnen. Es war Ihre Mutter!" Cal sah, wie die Leistungslinie wieder anstieg. Er hatte wahrscheinlich das letzte Aktionspotenzial in ihrem Körper aktiviert. Er stand von seinem Stuhl auf, den Griff an ihrem schweißnassen Arm. Sein Blick war fest an die Linie geheftet. "Es war Ihre Mutter Juliette, Sie waren nie gut genug Ihre sportlichen Erfolge zu erreichen. Bogenschießen, Literatur und Philosophie hat in Ihrer Familie niemanden interessiert und Sie konnten sich nie emanzipieren. Sie wurden auf eine Schule geschickt, die sportliche Aktivitäten förderte und dann haben Sie versagt, konsequent versagt. Und Freunde hatten Sie auch keine, was müssen Sie für eine Enttäuschung gewesen sein." 

Cal sah, dass die Linie nicht mehr stieg, sie hielt sich auf dem Plateau wie ein Bergsteiger, der nicht mehr weiter konnte. Ein letztes Mal drückte er ihren Arm fester und beugte sich über sie. Er wandte ihr sein Gesicht zu. Die andere freie Hand legte er an ihre Wange. "Öffnen Sie Ihre verdammten Augen!" Er holte tief Luft. "Sie sind eine Enttäuschung für Ines de Moncoeur. Und Sie konnten Ihre Enttäuschung nicht an Ihrer Mutter ablassen, Sie haben nie revoltiert oder rebelliert. Ihre Mutter war für Sie unantastbar. All den Schmerz, den Sie in sich angesammelt haben, haben Sie an Ihrem Umfeld ausgelassen, anstatt Ihrer Mutter zu sagen, dass Sie Ines de Moncoeur nicht entsprechen können und auch nicht müssen. Sie kämpften Ihr Leben lang nur gegen Ihre Mutter und ließen alle anderen leiden. Öffnen Sie Ihre verdammten Augen!" Cal sprach in einem schneidenden Befehlston, den er sonst nie auspackte. Er schnippte neben ihrem Auge, sie öffnete nicht. Er holte auf einer Distanz von 10 Zentimeter aus und schlug auf ihre gesunde Wange. Sein Puls dröhnte in den Ohren, sein Atem ging schwer. Juliette de Moncoeur öffnete langsam ihre Augen. Sie waren klar.

Sein Gesicht war versteinert und ihrem entstellten nahe. "Sehen Sie mich an. Denn wenn Sie jetzt die Augen schließen, werden Sie sie nie mehr öffnen!" Sie blickte ihn einen Moment in aller Klarheit an. Die bernsteinfarbenen Augen eröffneten Tiefe und Cal spürte eine Eiseskälte in der Brust. Die Augen entwickelten einen Sog, dass er die Farbe der Iris nicht mehr wahrnahm. Das schwarz der Pupille schien sich über den Bernstein zu legen und wollte ihm entgegenkommen. Es blitzte in ihrem Auge. Dann begannen ihre Halsmuskeln zu erschlaffen. Der Counselor spürte an seiner Hand, wie ihr Kopf immer mehr in sie hereinrutsche. Juliettes Blick wurde trüb. 

Ihre Augenlider begannen zu flatterten und langsam schloss Juliette de Moncoeur ihre Augen. Ihr Atem begann zu rasseln, wurde ungleichmäßig. Ihr blau angelaufener Zeigefinger zuckte ein letztes Mal. Ihre Wangenknochen erschienen noch spitzer als sonst. Aus dem Mundwinkel ran ein dünner, fadenförmiger Blutstrom das verbrannte Kinn hinab. Das Überwachungsgerät begann zu piepsen, die Linie nullte sich ein. Das Gerät zeigte mit roten Lettern Herzstillstand und die nicht vorhandene Sauerstoffsättigung an. Das Piepsen mehrere Geräte erschall plötzlich im blauen Bereich. 

=^=

Nach wenigen Minuten stellte sich der Ton des Geräts selbst ab. Der Herzstillstand und die mangelnde Sauerstoffsättigung hatten in ihrem schon zerschundenen Körper so viele Schäden angerichtet, dass sie nicht mehr wiederbelebt werden konnte.  

Cal stand noch immer über sie gebeugt. Er hatte sein Versprechen eingelöst, dass sie als das letzte in ihrem Leben ihn sehen würde. Sanft legte er seine Hand auf ihre geschlossenen Augen. Dann ließ er sich wieder in seinen Stuhl fallen. Er würde mitteilen, dass 1st Lieutenant Juliette de Moncoeur verstorben war, aber dieser Moment gehörte ihm. Er fühlte sich schuldig und spürte etwas kaltes, dunkles in sich, das nun nicht mehr gehen würden. Er hatte de Moncoeur in den Tod begleitet und es war an ihm gelegen, dass die schwerverletzte Frau keine Hilfe erhalten hatte.
 
Juristisch würde das, was er getan hatte, nicht als unterlassene Hilfeleistung, sondern eher als Totschlag mit Vorsatz oder gar Mord eingestuft werden. Das würde final von der Leistung der Anwältinnen und Anwälte abhängen, aber das war auch egal, denn es würde keine Untersuchung geben. De Moncoeur war zusammen mit den Marines aus einem Kriegseinsatz so schwer verletzt zurückgekommen, dass sie nur durch schnelles und gezieltes Handeln oder ausreichenden Ressourcen im Einsatz hätte gerettet werden können. Das war nicht passiert bzw. hatte nicht zur Verfügung gestanden und so war sie jetzt tot. Cal ließ seinen Blick auf dem zusammengesunkenen Körper ruhen.   

Der Vorhang raschelte. Cal wurde aus seinen Gedanken gerissen. Hinter ihm räusperte sich jemand respektvoll. "Sir," war es die Stimme von Ensign Amun, die ihn endgültig aus seinen Gedanken riss. "Commander Renard  möchte, dass Sie Lt. Killroy bei der Einsatznachbesprechung der Marines unterstützen, wenn Sie...." Der Acamarianer war seltsam blass um die Lippen als er das Ausmaß der Szene wahrnahm. "Ist sie....tot?"  

"Ja," Cals Stimme klang tief und ruhig. "Ja, sie ist tot. Ich sollte Bescheid geben." 
"Bei Dr Than?" Amun blickte von de Moncoeur zum CNS. Der junge Ensign sah, wie der CNS aus seiner Uniformjacke eine Schachtel herauskramte. Er schnippte zweimal dagegen und als Cal eine Zigarette herauszog, erinnerte sich der TAK, dass der CNS ihm auch mal eine gegeben hatte. 

Aus einer andere Tasche zog Cal ein Streichholzheftchen, zündete eines an und hielt die Flamme dann an seine Zigarette. Er sog den Red Apple Tabak tief ein, nahm sich die Zigarette von den Lippen und wedelte das Streichholz aus. Das erloschene Streichholz schnippte Cal in den Mülleimer zu den Kompressen mit dem Blut der Marine. Amun wusste nicht, was er interessanter finden sollte. Die Tote und das der CNS bei ihr gewesen war oder das Ritual, wie der Psychologe seine Zigarette angezündet hatte. 

"Ja, Dr. Than." Cal atmete hörbar aus, dann wandte er sich zum TAK um. "Tun Sie mir einen Gefallen, Ensign, sagen Sie ihr Bescheid, dass First Lieutenant Juliette de Moncoeur soeben gestorben ist. Sie oder ein anderer Arzt muss kommen, um die Todesmerkmale festzustellen. Ich warte hier noch einen Moment und sobald ein Doc da ist, gehe ich auch zur Nachbesprechung." Cal blickte den jungen TAK an und Amun wusste ohne weiter Ausführungen, dass er dem CNS den Gefallen erfüllen sollte. 

"Aye, Sir!" replizierte Amun und verließ den Raum. 

Der CNS wandte sich wieder der toten Juliette zu. Er nahm einen weiteren tiefen Zug und merkte, wie ihm das Nikotin zusetzte. Ein leichter Schwindel erschlich ihn. Der CNS ignorierte das Gefühl und nahm die Zigarette zwischen Daumen und Zeigefinger geklemmt von den Lippen. 

"Und wo hast du jetzt dieses gottverdammte Video versteckt?" 

</rpg>


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Ort: unbekannt
Zeit: in der Zukunft
Jemand legt eine Beichte ab. 

Ort: Büro des CNS 
Zeit: MD 0.1730 
Cal Mannix entwirft verzweifelt seinen weiteren Schlachtplan. Er wird aber davon unterbrochen, dass die Marines von Außenposten 1212 zurückkehren und er zur Triage in den Hangar gerufen wird. 


Ort: Hangar - Triage
Zeit: MD 0.1800 
Die mit dem Marine Transporter eintreffenen Marines werden nach dem Triage-System auf die Behandlungsplätze verteilt. Ein kleiner Zufall hilft ihm Schicksal zu spielen und Juliette de Moncoeur wird in den blauen Bereich verlegt - zum sterben. 


Ort: Hangar - Blauer Bereich
Zeit: MD 0.1820
Cal bleibt bei der schwer verletzten Juliette de Moncoeur. Er redet mit ihr über ihren nahenden Tod, ihre Person und konfrontiert sie mit seinen Erkenntnissen über ihre psychologische Störung. Er wiederholt, dass das eingetreten ist, was er schwört, dass er die letzte Person wäre, die sie sieht. Juliette stirbt schließlich an ihren schweren Verletzungen. 


</sum>


Submitted by 

Lt. j.G. Cal Mannix und 1st Lt. Juliette de Moncoeur
Aka Phil und Linda


Zum nachlesen: 


Shady Behavior-Reihe: 


Teil 1: https://groups.io/g/USS-Odyssey/message/589
Teil 2: https://groups.io/g/USS-Odyssey/message/590
Teil 3: https://groups.io/g/USS-Odyssey/message/591
Teil 4: https://groups.io/g/USS-Odyssey/message/592
Teil 5: https://groups.io/g/USS-Odyssey/message/593
Teil 6: https://groups.io/g/USS-Odyssey/message/594
Teil 7 : https://groups.io/g/USS-Odyssey/message/595
Teil 8: https://groups.io/g/USS-Odyssey/message/596
Teil 9: https://groups.io/g/USS-Odyssey/message/597
Teil 10: https://groups.io/g/USS-Odyssey/message/605 




Missions RPG:          
1. Teil         https://groups.io/g/USS-Odyssey/message/548        
2. Teil         https://groups.io/g/USS-Odyssey/message/549

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